Was wir sehen

Einschlägige wissenschaftliche Untersuchungen weisen auf, dass das gesellschaftliche Leben in den westlichen und östlichen Bundesländern jeweils unterschiedlich beschrieben werden muss.

  • Zugehörigkeiten zu großen gesellschaftlichen Vereinigungen und Organisationen (Kirchen, demokratischen Parteien, Gewerkschaften) usw. zeigen sich den östlichen Bundesländern um ein Vielfaches geringer als in den westlichen.
  • Die Bereitschaft, gegebenenfalls auf wesentliche Elemente der freiheitlich-demokratischen Grundordnung zu Gunsten einer autoritären Herrschaftsform zu verzichten, erscheint in den östlichen Bundesländern wesentlich ausgeprägter als in anderen Teilen Deutschlands.
  • Elementare Regelverletzungen (z.B. rassistisches Verhalten oder brutale Gewalt gegen Minderheiten) werden hier häufig als „normal“ betrachtet oder als Ergebnis von Arbeits- bzw. Perspektivlosigkeit entschuldigt.
  • Die Erwartung an umfassende staatliche Versorgungspflicht in allen Lebenslagen zeigt sich insbesondere in Teilen der Bevölkerung Ostdeutschlands besonders ausgeprägt.

Die hier skizzierte Situation hat Ursachen:

  • DDR-Prägung
    In der DDR konnten sich Ansätze für demokratisches Handeln nur in halböffentlichen Räumen wie der Kirche oder im Kunstbereich entwickeln. DDR-Erfahrungen und Verharmlosungen des totalitären Systems werden verharmlosend z. B. in Familien und Schulen an die nächsten Generationen weitergereicht. – Nach der friedlichen Revolution gab es zwar 1989 und 1990 an vielen Orten eine kurze Blüte demokratischen Lebens. Eine Vielzahl von Bürgerbewegungen, Initiativen und Runden Tischen bestimmte den Wandel von Staat und Gesellschaft mit. Diese demokratische Partizipationserfahrung fand später aber kaum Zugänge in gesellschaftspolitische Handlungsfelder.
  • Demokratie als Verwaltungssystem
    Nach 1990 wurde Demokratie eher als staatliches Regulierungs- und Verwaltungssystem erlebt und gedeutet. Die fast ausnahmslose Übernahme westlicher Regelungen wirkte auf viele Menschen befremdlich. Der mitunter flächendeckende Verlust von Arbeitsplätzen und vertrauter Lebensgestaltung wurde als sehr persönliche und zugleich kollektive Entwertungserfahrung erlebt. Zugleich spürten viele Menschen die zunehmende Komplexität der modernen Gesellschaft in ihren politischen und sozialen Zusammenhängen. Das führte in Größenordnungen zum Rückzug aus dem gesellschaftlichen Engagement.
  • Defizit demokratischer Parteien
    Die demokratischen Parteien spielen insbesondere im ländlichen Raum entgegen den Optionen des Grundgesetzes (Art. 21. „Die Parteien wirken bei der politischen Willensbildung des Volkes mit…..Ihre innere Ordnung muss demokratischen Grundsätzen entsprechen) eine völlig periphere Rolle. An der politischen Willensbildung (GG) haben sie offensichtlich geringen Anteil. Viele kleine freie Wählervereinigungen bemühen sich jeweils bürgernah partikulare Interessen zu durchzusetzen. Wenn sich rechtsextreme Akteure unter sie mischen, wird dies als Problem meist nicht erkannt.

Die aus den genannten Punkten sich ergebenden Verunsicherungen tragen in vielfältiger Weise mit dazu bei, dass sich neue Wirtschaftsstandorte in ländlichen Bereichen unter Beteiligung der dort lebenden Menschen kaum ausbilden können. Der Desintegrationsprozess schreitet weiter voran.