Demokratie[AN]stiftung

Einmischung in die eigenen Angelegenheiten e.V.

 

Süddeutsche Zeitung, 23. August 2007, Seite 2:

"Das ist eine Sisyphus-Arbeit"
Projekte brauchen langen Atem

Martina Weyrauch, 49, ist Leiterin der Brandenburgischen Landeszentrale
für politische Bildung und eine der Initiatorin der "Demokratie(AN)stiftung",
deren Ziel es ist, die ostdeutsche Bürgergesellschaft zu stärken.

SZ: Nach jedem neuen rechtsradikalen Überfall übertreffen sich die
Politiker in guten Ratschlägen. Ist denn mit all den schönen Rezepten
etwas anzufangen?

Weyrauch: Es wird immer das Gleiche gesagt. Das ist auch ein Zeichen von
Hilflosigkeit. Wir wissen, dass wir die Probleme nie ganz lösen werden,
sondern dass dies eine Daueraufgabe, eine Sisyphus-Arbeit ist. Die ist
aber notwendig, wenn wir nicht diese Gesellschaft von Nicht-Demokraten
erobern lassen wollen.

SZ: Dennoch werden wohl auch Fehler gemacht, wenn es zu solchen
Vorfällen wie jetzt in Mügeln kommt.

Weyrauch: Ein Teil der Mügeln-Problematik ist, dass man der Sache nicht
ins Gesicht sieht. Es wird da immer gerne abgewiegelt: "Ist ja nicht so
schlimm, das sind nur ein paar Verrückte." Das ist aber nicht der Fall.
Denn wir haben es hier mit strukturellen Problemen zu tun. Das betrifft
vor allem die ländlichen Regionen. Da ist die Zivilgesellschaft nach den
Umbrüchen durch die Wende inzwischen sehr fragil. Es sind eigentlich
stabile Leuchttürme notwendig, wie die Schule, die Eltern, die Kirche.
Aber wenn die das nicht schaffen, dann ist der Staat gefordert.

SZ: Was kann denn der Staat konkret tun?

Weyrauch: Auf jeden Fall reichen die zahlreichen Aktionsprogramme des
Bundes nicht aus. Der Bund kann wegen unserer föderalen Ordnung nur
immer wieder Pilotprojekte anschieben. Ansonsten ist das
Länderverantwortung. Wir müssen für belastbare Strukturen in der Jugend-
und Sozialarbeit sorgen. Die rechtsextremen Organisationen nutzen alle
Löcher, die die Zivilgesellschaft lässt.

SZ: Aber sind vielleicht bestimmte Gruppen in unserer Gesellschaft
einfach nicht mehr erreichbar, egal was für Initiativen gemacht werden?

Weyrauch: Eine solche These halte ich für menschenunwürdig. Alle
Menschen sind erreichbar, selbst die im Knast. Wir können sie doch nicht
aufgeben. Was sollen wir denn sonst machen? Wir haben doch keine
Verbannungsorte. Das sind doch auch unsere Kinder.

SZ: Haben Sie denn auch ein positives Beispiel, wo die vielzitierte
Zivilgesellschaft funktioniert?

Weyrauch: Mit verlassenen Straßen und geschlossenen Rollläden ließ
Cottbus eine Demonstration der NPD ins Leere laufen. Es gibt auch andere
phantasievolle Formen von Widerstand. Woanders setzten sich Leute in
Liegestühlen auf den Marktplatz, um zu demonstrieren: Wir sind hier in
einer friedlichen Stadt.

Interview: Ralf Husemann

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