Wer wir sind

Eine Sache ist es, die Freiheit zu erstreiten. Spätestens wenn das gelungen ist, wird man merken, wie anstrengend es ist, …

Was wir wünschen

Wachsende Einsicht, dass die wahrzunehmenden Instabilitäten unserer Demokratie als politische Wertegemeinschaft 20 Jahre nach der demokratischen Revolution ohne Panik als …

Was wir sehen

Einschlägige wissenschaftliche Untersuchungen weisen auf, dass das gesellschaftliche Leben in den westlichen und östlichen Bundesländern jeweils unterschiedlich beschrieben werden muss. …

Was wir tun

Die DemokratieANstiftung e. V. fördert Initiativen und Projekte im ländlichen und kleinstädtischen Raum. Dabei legt ihre Schwerpunkte insbesondere auf Modelle …

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Unsere projekte

  • MyCams – Unsere Geschäftspartner

    Weit draußen, im deutschen MyCams http://www.mycams-x.com/ am Stettiner Haff, gibt es seit fast drei Jahren eine Initiative, die für Demokratie, Minderheiten und eine „Kultur des friedlichen Miteinanders“ kämpft. Sie nennt sich etwas steif „Bürger für Integration, Rechtsstaatlichkeit und Demokratie“. Die Abkürzung My Cams klingt viel leichter und optimistischer: ein Vogel gegen Fremdenhass.

    MyCams, das sind zehn Menschen – eine Sozialpädagogin, eine Lehrerin, ein evangelischer Pfarrer, zwei Leute vom Ausländerbeirat des Kreises Uecker-Randow, ein älteres Ehepaar, ein paar Politiker von PDS und SPD -, die sich im März 2004 im Stadtkrug von Ueckermünde zusammengefunden haben und seither den Landkreis aufwecken – mit Erfolg. Von Schülerfahrten zum Bundestag, Ausstellungen über Asylbewerber, Friedensfesten, Weihnachtsmarkt, Workshops, Infoveranstaltungen über Demokratie, Gewalt und Rechtsextremismus reichen die Aktivitäten.

    MyCams bislang größter Erfolg: Der Initiative ist es gelungen, im Uecker-Randow-Kreis im Landtagswahlkampf CDU, SPD, PDS und FDP zu einem Aktionsbündnis „Bunt statt Braun“ zusammenzubringen. Auf zwei gut besuchten Stadtfesten in Ueckermünde (11.000 Einwohner) und Pasewalk (12.000) diskutierten die Politiker friedlich miteinander und warben für mehr Toleranz in einer Region, die Rechtsdrift besonders deutlich zu spüren ist und 30 Prozent Arbeitslose das Stadtbild dominieren. Bei der Landtagswahl holte die NPD in der Gegend 15 Prozent der Stimmen; es gibt Dörfer hier, da wurden die Rechtsextremisten sogar stärkste Partei.

    Das Aktionsbündnis der demokratischen Parteien will, dank My Cams, über den Wahltag hinaus aktiv bleiben. Ein jährliches großes Fest soll den Zusammenhalt stärken und die Integration in Uecker-Randow voranbringen. Dabei hilft eine größere Spende, die MyCams Anfang des Jahres vom Landtag erhielt. Und dabei hilft die Demokratieanstiftung, die der Initiative im alltäglichen Handgemenge beistehen wird.

  • Mensch, ärgert Euch nicht, lasst uns was tun

    Arbeitslosigkeit, Schulschließungen, Überalterung – das ist die Realität in vielen ländlichen Regionen Ostdeutschlands. Auch in Letschin, einer Gemeinde im Oderbruch ganz am Rande Brandenburgs. Seit Jahren leidet auch diese Region unter Abwanderung, bis zum Jahr 2020 wird die Bevölkerung noch einmal um 14 Prozent schrumpfen. Vielerorts im Osten wird geklagt, gemeckert, auf den Staat gewartet. In Letschin nicht. Hier gründete sich eine Bürgerinitiative Perspektive Letschin. Das Motto: „Was können wir tun, dass wir uns gemeinsam hier wohlfühlen?“

    Wenn die Bürger selbst Einfluss nehmen auf Veränderungen, so die Grundeinsicht, dann erhöht sich die Akzeptanz dieser Veränderungen. Gemeinschaftsgefühl wird vermittelt, die Identifikation mit der Heimat gefördert. Denn wenige Dinge sind so gefährlich wie Gleichgültigkeit und Fatalismus. Gerade in Ostdeutschland stehen Rechtsextremisten wie die NPD bereit, um das Vakuum zu füllen.

    Im Februar 2005 wurde ins „Haus Lichtblick“,das alte Kino von Letschin, eine Gemeindekonferenz einberufen. Etwa 50 Bürgerinnen und Bürger aus fast allen Ortsteilen Letschins kamen zusammen, um gemeinsam in einer Art Zukunftswerkstatt Perspektiven zu suchen. Nach einem Blick in die Geschichte wurden – als erster Schritt – auf großen Tafeln die Probleme der Einwohner gesammelt. Da stand dann zum Beispiel: „fehlende Ausbildungsplätze“, „Kinderarmut“, „Altersarmut“, „Müll in der Natur“, „Rechtsextremismus“, „fehlende Ärzte“, „das Miteinander der einzelnen Ortsteile“.

    Dann ließen die Einwohner ihrer Phantasie freien Lauf: Alles ist möglich! Was würde ich mir wünschen? Wie sieht die ideale Zukunft Letschins aus?

    Im dritten Schritt wurden dann praktikable Ideen entwickelt. So soll es in Letschin künftig ein Jugendparlament geben. Wer sich einbezogen fühlt, so die Idee, fühlt sich wohler. Perspektiven für die Jugend sollen im ländlichen Raum selbst gefunden werden. Als wichtiges Ziel der Gemeinde wurde der Erhalt der kommunalen Bibliothek formuliert. Die Räume des Letschiner Schulzentrums sollen künftig auch für andere Aktivitäten geöffnet werden. Um den Zusammenhalt der Gemeinde zu verbessern, sollen örtlichen Vereine künftig kooperieren – oder sich überhaupt erst einmal kennenlernen. So gibt es in den eingemeindeten Dörfern fünf Angel- und vier Sportvereine – seit Mai 2005 treffen sie sich nun regelmäßig zu einem „Vereinsstammtisch“. Der Fremdenverkehr, der ein wichtiger Wirtschaftsfaktor ist, wird durch eine zentrale Touristeninformation gefördert. Viele dieser Ideen sind kleine Dinge – die aber eine große Wirkung entfalten können.

    Das oberste Ziel von Perspektive Letschin ist es, Eigeninitiative zu entwickeln. Die DemokratieAnStiftung unterstützt diesen emanzipativen und partizipativen Ansatz. Die Stiftung bietet Beratung an, sie gibt Geld für die Öffentlichkeitsarbeit, sie stellt überregionale Kontakte her. Letschin kann Vorbild sein für viele ländliche Gemeinden in Ostdeutschland.

  • Reinhardtsdorf-Schöna – Widerstand in der NPD-Hochburg

    Reinhardtsdorf-Schöna in der Sächsischen Schweiz, gut 30 Kilometer südlich von Dresden. Das Dorf liegt ganz am Ende von Deutschland, hinter dem letzten Haus beginnt der Wald, und dann kommt nur noch Tschechien. Die Luft ist sauber, die Straßen sind gepflegt, die meisten Häuser schmuck renoviert. Viele Einwohner verdienen sich durch die Vermietung von Fremden-zimmern ein Zubrot. Die Landschaft hier sei „so romantisch und deutsch, dass es von ganz alleine tümelt“, schrieb einmal der stern. In Reinhardtsdorf-Schöna holte die NPD bei der Kommunalwahl im Juni 2004 ihr sächsisches Rekordergebnis – 25,2 Prozent.

    „Das ist meine Heimat hier, mein Zuhause“, sagt Bianca Richter, 27. „Und deshalb kann ich es nicht ab, wenn es heißt, hier seien alle braun.“ Was bei ihr so einfach klingt, ist nicht einfach in Reinhardtsdorf-Schöna. Die Bürgerinitiative gegen die NPD, die Richter mitgegründet hat, zählt nur eine Handvoll Leute. Und von vielen im Dorf werden sie schief angeschaut. Richter: „Ich gelte als Nestbeschmutzerin.“

    Die Rechtsextremisten dagegen sind fest verankert in der Dorfgemeinschaft. Die NPD in Reinhardtsdorf-Schöna, das sind Mario Vieh-rig, 41, und Michael Jacobi, 51. Beide sind bei den Nachbarn wohlbekannt, Viehrig als prima Kumpel und lang-jähriger Chef des Hei-mat-vereins, Ja-co-bi als angesehener Klempnermeister, der Tag und Nacht zur Stelle ist und faire Preise macht. Seit vielen Jahren sitzen Viehrig und Jacobi im Gemeinderat, anfangs für eine Freie Wählergemeinschaft, im Jahr 2004 traten sie dann plötzlich für die NPD an – und holten so viele Stimmen, dass es sogar für drei Sitze gereicht hätte.

    Bianca Richter sagt, sie sei geschockt gewesen damals, auch bei den Älteren also war rechtsextremes Denken weit verbreitet. Bei den Jugendlichen im Dorf „da hatte man das ja schon lange gesehen, die waren angezogen wie Neonazis“ – aber die durften ja noch gar nicht wählen. Ihr Bruder, der drei Jahre älter ist, meinte zu ihr, man müsse eine Initiative starten. Also setzten sie sich an den Computer und tippten einen Aufruf zur bevorstehenden Landtagswahl: „Liebe Mit-bürgerinnen und Mitbürger, im Gegensatz zur NPD halten wir die von Freiheit, Gleichheit, Toleranz und freier Meinungsäußerung geprägte demokratische Gesellschaft für die geeignetste Form des menschlichen Zusammenlebens“, hieß es darin. „Wir appellieren an Sie: Gehen Sie zur Wahl! Frustwahl und Nichtwählen stärkt extremistische Parteien wie die NPD und schwächt unsere Demokratie!“ Bei „Nacht und Nebel“, sagt Richter, hätten sie den Aufruf „in jeden Briefkasten geworfen“. Doch bei der Wahl im September 2004, die sachsenweit 9,2 Prozent für die NPD brachte, kamen die Rechtsextremisten in Reinhardtsdorf-Schöna wieder auf mehr als zwanzig Prozent. Da war ihr klar, sagt Richter, „dass hier mehr Arbeit zu leisten ist“.

    Seit zwei Jahren nun ist die kleine Bürgerinitiative aktiv. Bei der ersten Versammlung saßen Bianca Richter und ihr Bruder zusammen mit der Dorfpastorin, einem PDS-Gemeinde-rat, einer Lehrerin und ein paar anderen Bürgern. Schon die Einladung, erinnert sich Richter, sei „ein massiver Aufwand“ gewesen. „Es musste alles hinterm Busch laufen, man musste die Nachbarn vorsichtig ansprechen, man wusste ja nicht, wie die ticken, ob sie selbst NPD gewählt hatten.“ Es folgten all-ge-mei-ne Informations-veranstaltungen zum Rechtsextremismus – die Engagierten wussten anfangs ja selbst nicht genau, womit sie es zu tun hatten, mit der NPD hatte sich vorher nie- jemand be-fasst. Zu Weihnachten 2004 brachten sie das Thema im Krippenspiel in der Dorfkirche zur Sprache. Ein paar Monate später luden sie einen Regional-historiker zum Vortrag über Reinhardtsdorf-Schöna unterm Hakenkreuz. In der Dorfchronik gibt es ein Bild vom Anfang der dreißiger Jahre, auf dem das Ortseingangs-schild zu sehen ist, das stolz verkündete, man sei ein „judenfreier“ Kurort.

    Der Bürgermeister von Reinhardtsdorf-Schöna duldete die Bürgerinitiative, mehr nicht. Als Bianca und ihr Bruder mit ihrem Aufruf zu ihm kamen, damit er ihn im Amtsblatt ver-öf-fent-liche, lehnte er ab, weil, wie er sagte, politische Stellungnahmen darin nichts zu suchen hätten, und überhaupt behandelte er die beiden wie kleine Kinder. Gegenüber der Presse sagte der Bürgermeister damals, die PDS bereite ihm mehr Probleme als die NPD. Viehrig und Jacobi träten im Gemeinderat „sachlich“ auf und „un-terscheiden sich nicht von an-deren Räten“. Jahrelang hat der Bürgermeister wie viele ostdeutsche Kommunalpolitiker den Rechtsextremismus ignoriert – und als das nicht mehr ging, behandelte er ihn vor allem als Imageproblem.

    Auch bei den einfachen Bürgern hatte – und hat – es die Initiative nicht leicht. Manche hätten Angst, erzählt Richter, und bei der Unterschriftensammlung nur unter-schreiben wollen, wenn ihr Name nicht publik werde. So mancher Reinhardtsdorfer sympathisiert sicherlich auch mit NPD-Parolen wie „Grenzen dicht für Lohndrücker“ – die Angst vor der Konkurrenz aus dem nahen Tschechien ist weit verbreitet. Vor allem aber stehen die Leute gegen eine feindliche Außen-welt zusammen-, zu der aus ihrer Sicht Konzerne, Politiker, Ausländer und Journalisten gleichermaßen gehören. Druck von Fremden beantworten sie durch Solidarität untereinander. Für gegenseitige Kritik bleibt da kein Raum, denn die brächte nur Unfrieden in die Gemeinschaft. Wer gegen die dörflichen Normen verstößt, muss Angst haben, vom Nachbarn nicht mehr gegrüßt zu werden. Und in der verqueren Logik ist nicht die Mitgliedschaft in einer rechtsextremistischen Partei der Regelverstoß, sondern die offene Kritik daran. Nicht die Mitgliedschaft eines Sohnes vom Gemeinderat Jacobi in der später verbotenen Nazi-Truppe „Skinheads Sächsische Schweiz“ brachte Unruhe ins Dorf, sondern die Razzien der Polizei. Als sich die Dorfjugend am „Führergeburtstag“ zum Lagerfeuer traf, , ist das kein Grund zur Aufregung. Dass dunkelhäutige Gäste des Naturfreundehauses in Schöna von rechts-extremen Jugendlichen angegriffen wurden, wollte niemand mitbekommen haben. „Wer im Dorf sagt, er habe nichts bemerkt, der hat Wahrnehmungsstörungen“, sagt dagegen Bianca Richter. Ihr sei klar, dass sie sich mit solchen Sätzen „keine Freunde“ mache, aber das störe sie nicht. „Ich habe nicht das Bedürfnis nach Harmonie. Mein Bedürfnis ist, meine Meinung zu sagen.“

    Initiativen gegen Rechts-extremis-mus, die von außen kommen, prallen ab an Orten wie Rein–hardtsdorf-Schöna. Die Auseinandersetzung mit der NPD wäre dort von vornherein verloren, gäbe es nicht Menschen wie Bianca Richter, die im Dorf geboren ist, deren Vater im Feuerwehrverein mitarbeitet und Mutter und Bruder im Heimatverein. Sie selbst ist seit langem in der evangelischen Jungen Gemeinde aktiv, hilft im Sommer im örtlichen Schwimmbad als ehren-amtliche Aufsicht. Hauptamtlich studiert sie Psychologie, arbeitet nebenher in der Pirnaer Berufsschule als Dozentin. Ein bekannter Jungnazi aus dem Dorf war da einmal ihr Schüler. Sie weiß noch, wie er sich öffentlich mokierte, dass er für seine Mitgliedschaft bei den „Skinheads Sächsische Schweiz“ mit einer bloßen Geldstrafe davongekommen war.

    Die Arbeit der Bürgerinitiative in gleicht einer Gratwanderung. In ihrem ersten Aufruf schrieben auch Richter und ihr Bruder, „einige Berichte der Medien“ über das Dorf seien „übertrieben und einseitig“ gewesen. In einer überregionalen Zeitung, erinnert sie sich noch heute, beschrieb ein Reporter mal einen örtlichen Kneiper als baumgroßen Kerl – dabei wisse jeder im Dorf, wie schmächtig der in Wahrheit ist. „Da sagten die Leute natürlich, dann wird auch der Rest gelogen sein.“ In ihrem ursprünglichen Aufruf mühte sich Bürgerinitiative auch bereits, zwischen der rechtsextremistischen NPD einerseits und den angesehenen Bürgern Jacobi und Viehrig zu differenzieren: „Auch wenn wir die beiden gewählten Vertreter der NPD als Mitbürger achten, ihre Zuverlässigkeit bzw. ihr bisheriges Engagement für die Gemeinde anerkennen, lehnen wir dennoch die Partei ab, der sie angehören.“

    Geschickt versuchen Bianca Richter und ihre Mitstreiter, die Nachbarn zu erreichen. Sie fördern die Partnerschaft des Dorfes mit der polnischen Gemeinde Walim, um „zu zeigen, dass die Polen nicht nur alles klauen“, und helfen bei der Suche nach Fördermitteln für gegenseitige Besuche der Freiwilligen Feuer-wehren. In Zusammenarbeit mit der örtlichen Schule holen sie das Dresdener Staats-schauspiel mit einem Theaterstück über rechtsextreme Jugendgewalt zum Gastspiel. Tourismus interessiert wirklich jeden in Reinhardtsdorf-Schöna, zu einem Vortrag zu diesem Thema haben sie einen CDU-Ab-geordneten eingeladen. Für die Evangelische Kirchgemeinde organisierten sie eine öffentliche Verkostung von fair gehandeltem Kaffee; so informierten sie über die Zustände in der Dritten Welt und bauten zugleich Vorbehalte gegen die Bürgerinitiative ab. Deren Mitglieder gelten bei vielen als „die Roten“, weil unter ihnen ja auch ein PDS-Gemeinderat ist -– und dass der Schwiegervater eines anderen Mitglieds zu DDR-Zeiten ein hoher SED-Kader war, wird im Dorf noch jahrzehntelang unvergessen bleiben. „Ich überlege ernsthaft, in die CDU einzutreten“, sagt Bianca Richter, und es ist nicht sicher, ob das nur ein Scherz ist.

    Sie selbst wurde noch nicht von Rechtsextremisten bedroht. Doch ein anderes Mitglied der Initiative, der PDS-Gemeinderat, erzählt von nächtlichem Telefonterror, einmal sei auf seinen Namen ein Pornoheft abonniert worden. Auch die Pastorin bekam Drohanrufe, nachdem sie gegen die NPD auftrat. Eine Nachbarin des inzwischen geschlossenen Jugend-clubs in Schöna, die sich über laute Nazi-Musik beschwert hatte, fand eines Morgens ihre Autoscheiben zerschlagen. Auch Bianca Richter rief vor Jahren mal die Polizei, als nachts Heil-Hitler-Rufe durch das Dorf hallten. „Nein, sie könnten nicht kommen, war da die Antwort, es sei gerade kein Streifen-wagen verfügbar.“

    Solche Begebenheiten, aber auch die Schwäche demokratischer Institutionen und der anderen Parteien, haben den Rechtsextremismus in Reinhardtsdorf-Schöna befördert und der NPD ihre Er-folge überhaupt erst ermöglicht. Die Dorfpastorin ist inzwischen versetzt worden, weil ihre Stelle eingespart wurde, und der Gemeindevorstand verlangt seitdem jedes Mal zehn Euro Miete, wenn sich die Bürgerinitiative im Pfarrhaus zur Beratung trifft. Die CDU ist nicht verwurzelt in dem abgelegenen Ort, eine Sozialdemokratie existiert hier nicht. Und als der 68. Geburtstag des alten Bürgermeisters nahte, zu dem er gemäß Sächsischer Gemeindeordnung sein Amt abgeben musste, fand sich lange Zeit Kandidat für die Nachfolge. Aus Angst davor, dass die NPD zur Wahl antritt und gewinnen könnte, kam man bei der CDU auf die Idee, das Problem zu lösen, indem Reinhardtsdorf-Schöna mit dem benachbarten Bad Schandau fusio-niert. Für die NPD war das eine Steilvorlage: Ein-gemein-dungen sind traditionell unbeliebt, in ganz Sachsen schlagen die Wellen hoch bei diesem Thema. Die Rechtsextremisten schwan-gen sich auf zu Volkes Stimme, Viehrig und Jacobi starteten ein Bürgerbegehren. „Selbst-ständigkeit ist ein hohes Gut, dessen Preisgabe nicht wieder rückgängig gemacht werden kann“, schrieben sie in ihrem Aufruf. 139 Unterschriften hätten sie gebraucht, schnell hatten sie mehr als 200 beisammen. Unterstützt wurde das Bürgerbegehren von der PDS, auch damit die Rechtsextremisten sich den vorhersehbaren Erfolg – die Abstimmung im März 2006 ergab schließlich 93 Prozent für die Eigenständigkeit – nicht allein auf die Fahnen schrieben konnten.

    Keine der demokratischen Parteien, sondern die kleine Bürgerinitiative war es, die bei der folgenden Bürgermeisterwahl die NPD ausbremste. Als sich kein Kandidat finden ließ, sprach die Initiative einen jungen Gastwirt an, Olaf Ehrlich, der im ganzen Dorf bekannt ist und beliebt als einer der besten Spaßmacher beim jährlichen Karneval. Die Bürgerinitiative organisierte Unterstützung bei den anderen Parteien, im Rückblick bekennt Ehrlich, Bianca Richter sei seine „zweite Wahlkampf-managerin“ gewesen. Die NPD verzichtete überraschend auf einen eigenen Kandidaten, Ehrlich holte am Ende 67,3 Prozent der Stimmen. Seit Juli 2006 ist er im Amt, und hat bereits das Klima in der Gemeinde verändert. Als eine seiner ersten Entscheidungen schaffte er sein Dienstauto ab und investierte die eingesparte Summe in ein Begrüßungsgeld für jedes Neugeborene im Dorf – es sind zwar nur 50 Euro, aber immerhin. Er hält – anders als sein Vorgänger – in allen drei Orts-teilen der Gemeinde regelmäßige Sprechstunden, um sich die Sorgen der Bürger anzuhören. Er kündigt an, die Dorfjugend in einer Art Jugendparlament einzubeziehen und lädt dafür nicht nur im Amtsblatt ein, sondern schreibt jeden Jugendlichen persönlich an.

    Während sein Vorgänger bestenfalls mürrisch auf Journalistenanfragen reagierte, nimmt Olaf Ehrlich sich mehr als eine Stunde Zeit für ein Interview. Er sagt ausdrücklich, die NPD sei „zu Recht“ groß in den Medien. Im Wahlkampf distanzierte er sich als einziger Kandidat klar von der NPD. Ehrlich gibt zu, dass rechtsextreme Sprüche ankommen bei einigen seiner Nachbarn. Wenn jemand die rassistischen Parolen nachplappere, halte er stets dagegen: „Hört mir uff, was haben wir denn hier für ein Ausländerproblem?“ Und er sagt, dass es Ärger mit Neonazis schon zu DDR-Zeiten gab. Ehrlich leitete damals als junger Mann den Jugendclub im Dorf, am Rande der Disko habe da regelmäßig jemand „Sieg Heil!“ gerufen. „Und die Polizei kam nie.“ Über die Bürgerinitiative sagt der neue Bürgermeister: „Sie haben meine vollste Unterstützung.“ All das war unter seinem Vorgänger undenkbar.

    Vor ein paar Monaten hat sich die Gruppe einen neuen Namen gegeben: Bürger-initiati-ve „Demokratie anstiften“ heißt sie jetzt. Nur „gegen Rechtsextremismus“ zu sein, haben sie gemerkt, kam bei im Dorf negativ an. „Wichtig ist für uns, dass die Demokratie für die Bürgerinnen und Bürger unserer Gemeinde als ein schützens-wertes Gut erfahrbar und erlebbar wird“, schreiben sie in einem neuen Papier zu ihrem Selbst-verständnis. „Demokratie ist für uns mehr als die Schaffung von Arbeitsplätzen, es ist die Ver-teidigung und Stärkung der Grund- und Menschenrechte für jeden, unabhängig von Herkunft und Religion.“ Trotz-dem bleiben sie klar in der Zielrichtung: „Sich für die Demokratie stark machen, heißt für uns konkret, rechtsextremistischen Erscheinungen in ihrer ganzen Vielfalt couragiert entgegen zu treten.“ Mit ihrem Namen hat sich die Initiative angelehnt an die Demokratie-Anstiftung aus Wittenberg, von der Richter&Co. seit 2005 unterstützt werden. Von dort kam ein wenig Geld für Telefon, Porto und Miete, ebenso ein Experte zum Coaching der Aktivisten – doch im Alltag von Reinhardtsdorf-Schöna dürfte es genauso wichtig sein, von Zeit zu Zeit einfach mal Mut zugesprochen zu bekommen.

    Seit ihrer Gründung steht der Bürgerinitiative das Kulturbüro Dresden mit seinem Mobilen Beratungsteam gegen Rechtsextremismus zur Seite. Zuletzt kam noch die Caritas mit ihrer größeren Finanzkraft und ihren Verbindungen ins Boot. Beide Träger haben mit Förder-geldern von Bund und EU in Reinhardtsdorf-Schöna ein zweijähriges Projekt zur Dorf-entwicklung gestartet. Damit wurde beispielsweise ein Sommercamp im örtlichen Steinbruch gefördert. Jugendliche aus Tschechien und Reinhardtsdorf-Schöna hämmerten da an Sand-stein–figuren für die Verschönerung des Ortsbildes, und es dauerte gar nicht lange, bis sie nicht nur gemeinsam arbeiteten, sondern auch feierten. Mit einer „Ideenbörse“ gelang es Kultur-büro und Caritas, einfache Bürger für Dorfpolitik zu interessieren. Einen Tag sollten sie unter fachkundiger Moderation Zukunftsideen entwickeln – und die gut dreißig anwesenden Leute sprudelten geradezu über: einen Waldspielplatz für den Kindergarten, einen Nordic-Walking-Rundweg für Touristen, ein Fernrohr auf der Kaiser-krone, dem Berg gleich hinterm Dorf, eine Frauenfußballmannschaft, eine Jugend-Theater-gruppe, einen Internationalen Grenzlauf und, und, und. Alle Anwesenden waren sich einig, dass die Werbebroschüre des Ortes drin-gend über-arbei-tet werden müsse, und sofort fanden sich ein paar Bürger, die das selbst in die Hand nahmen. Drei Arbeits-gruppen wurden gegründet, die sich seitdem regelmäßig treffen. Es lohnt sich, kam da heraus, die Einwohner in die Dorfpolitik einzubeziehen – beim alten Bürgermeister und seiner autoritären Amts-führung waren sie nicht wirklich gefragt. „Das neue Reinhardts-dorf“ titelte die Sächsische Zeitung kürzlich in einem Bericht über den Wandel in der Gemeinde. „Er lebt Demokratie vor“, sagt Bianca Richter über den neuen Bürger-meister. Und dann geht die Euphorie ein bisschen durch mit ihr: „Mit Olaf Ehrlich seh’ ich uns vielleicht irgendwann überflüssig werden“.

    Und die NPD? Bei der Ideenbörse tauchte sie nicht auf. Stattdessen verkündete sie hinterher auf ihrer Internetseite, nun eine Ortsgruppe gegründet zu haben. Monatliche Treffen solle es geben, um „regionale und überregionale Themen zu diskutieren“. Aber der ganze Text klingt eher defensiv, ganz anders als die NPD-Verlautbarungen in der Ver-gangen-heit. Bei der Bundestagswahl vor einem Jahr kam die Partei auf 14,4 Prozent, immerhin zehn Prozent-punkte unter dem einstigen Kommunal-wahl-ergebnis. Aber als Bundestags-kandidaten waren ja auch nicht Viehrig und Jacobi angetreten. Mit der Gründung ihrer Orts-gruppe versuchen die beiden, sich langfristig auf die Kommunalwahl im Sommer 2009 vorzubereiten. Mario Viehrig sagt, die Aktionen von Bürgerinitiative, Kulturbüro und Caritas seien natürlich eine Kampf-ansage an seine Partei. Wer den längeren Atem hat, muss sich noch zeigen – die Fördergelder für die Dorfentwicklung jedenfalls laufen wohl Ende 2007 aus.

    „Manchmal hat man den Eindruck, Bianca ist die Bürgerinitiative“, sagt Marion Schind–ler, die für das Kulturbüro das Dorfentwicklungsprojekt betreut. Bianca Richter ist die Macherin – bei ihr läuft alles zusammen, sie jongliert die Termine, schreibt sämtliche Mails, führt die wichtigen Gespräche, hält den Kontakt zu den Projektpartnern. Sie selbst kommen-tiert knapp, es würde einfach mehr Zeit kosten und mehr Koordinierung erfordern, wenn sie Aufgaben an andere abgäbe. Aber klar, dass dies ein Problem werden könne, sehe sie auch. „Wenn Bianca geht“, sagt der Lokalredakteur der Sächsischen Zeitung, „dann gibt es keine Bürger-initiative mehr.“ Eigentlich wolle sie nicht weggehen aus Reinhardtsdorf-Schöna, sagt Richter, „mir gefällt es ja hier“. Es wird davon abhängen, wo sie nach dem Studium einen Job findet.